Warum neue Häuser in Deutschland alle gleich aussehen – Focus Online vom 30.05.2020

Langeweile von Bayern bis Schleswig Hässliche Quader mit Flachdach: Warum neue Häuser in Deutschland alle gleich aussehen 30.05.2020 | 07:26

Neue Häuser sind in Deutschland meist niedriger als in den 1970er Jahren – aber genauso austauschbar: Im Wohnungsbau herrscht bundesweites Einerlei. Doch niemand will die Verantwortung für architektonische Langeweile übernehmen: Schuld sind die anderen, sagen Politiker, Bauträger und Architekten. Hier sind ihre Ausreden.

In ganz Deutschland versprechen Stadtplaner bei Neubauprojekten „attraktive Quartiere“ und „innovative Konzepte“ – und ebenso einförmig wie die Werbesprüche sind die Ergebnisse. Viele Neubaugebiete gleichen einander so sehr, dass Besucher nur an den Nummernschildern der geparkten Autos erkennen können, ob sie sich in Bayern befinden oder Schleswig-Holstein. Es dominiert der Quader mit Flachdach.

Die Gründe der gebauten Ödnis sind vielfältig, wie Fachleute sagen. Wirtschaftliche Interessen der Bauträger spielen ebenso eine Rolle wie Behörden, Politiker und die dominierende Fraktion der Modernisten unter den Architekten.

Quader sind optimal für kurzfristige Rendite

Ein maßgeblicher Faktor: die kurzfristige Rendite. „Wenn Sie quaderartige Schachteln mit geraden Wänden und Flachdach haben, optimieren Sie die Fläche, Sie haben immer ein paar Quadratmeter mehr Wohnfläche als mit Schrägdach“, sagt Sebastian Körber (FDP), Architekt und Vorsitzender des Bauausschusses im Bayerischen Landtag.

Die Kommunen selbst tragen durch ihre Vergabepraxis dazu bei: Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Grundstücke in der Regel einzeln oder in Gruppen weniger benachbarter Parzellen abverkauft und bebaut. So erhielt jeder Straßenzug ein individuelles Gesicht. Schon nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich das: Seither veräußern die Kommunen Baugrund häufig in größeren Einheiten, sodass ein Unternehmen eine Vielzahl gleichförmiger Häuser errichten kann.

"Kommune bekommt das was der Bauträger ausrechnet!"

„Ein Hauptproblem ist, dass die Kommunen den Bauträgern große Gebiete ohne einen städtebaulichen Rahmen überlassen“, sagt Christian Siedenburg, Architekt im oberbayerischen Krün und Verfechter des traditionellen Bauens. „Wenn man nicht gegensteuert, bekommt eine Kommune das, was der Bauträger ausrechnet.“

Doch sogar Bauträger mit ästhetischem Anspruch sind in einer Kostenspirale gefangen: Da Grundstückspreise und Baukosten dramatisch gestiegen sind, erhöht das den Anreiz, an anderer Stelle zu sparen – bei Schönheit und Qualität.

Im 19. Jahrhundert war gebaute Schönheit Staatsziel

Die Bauordnungen der Bundesländer sind zwar in Einzelpunkten so unterschiedlich, dass Architekten und Baufirmen sich die Haare raufen, doch in den Grundzügen ähnlich. In Bayern ist ein Haus ab 22 Meter Höhe der Fußbodenoberkante eines Aufenthaltsraumes ein Hochhaus, wie Bauausschuss-Chef Körber erläutert. „Da gelten dann erhöhte Anforderungen an den Brandschutz und den zweiten baulichen Rettungsweg. Das erhöht die Baukosten teilweise um bis zu 25 Prozent.“ Die bundesweit üblichen 22 Meter orientieren sich an der Höhe von Feuerwehrdrehleitern, in das Standardmaß stopft die Baubranche so viel Wohnraum wie möglich.

Doch wäre es zu kurz gegriffen, nur Rendite und Vorschriften verantwortlich zu machen. Im 19. Jahrhundert war gebaute Schönheit Staatsziel: „Ich will aus München eine Stadt machen, die Deutschland so zu Ehren gereicht, dass niemand sagen kann, er kenne Deutschland, wenn er München nicht gesehen hat“, erklärte Bayerns König Ludwig I. (1786-1868), ganz im heute noch üblichen Ton weiß-blauer Selbstüberhöhung. Aber auch nüchtern bürgerlich regierte Städte wie Hamburg entwickelten ehedem vergleichbaren Ehrgeiz.

Politiker fürchten Vorwurf der Geldverschwendung

Heutige Politiker handeln sich mit jedem größeren Bauprojekt den Vorwurf der Geldverschwendung ein. Hauptsache kostengünstig, in keinem Wahlprogramm ist die Schönheit der Architektur Thema.

Und unter den Architekten haben sich weltweit die vor knapp 100 Jahren formulierten Ideen der architektonischen Moderne durchgesetzt: „Weniger ist mehr“, schrieb Mies van der Rohe (1886-1969), ein Gründervater der zeitgenössischen Architektur. Im architektonischen Minimalismus dominieren kubische Formen, Flachdächer, glatte Fassaden, Glas. Dekorative Elemente sind ebenso verpönt wie Satteldächer oder die einst üblichen regionalen Baustile. Die Grundsätze des klassischen Städtebaus mit Straßenzügen in Blockbebauung, Plätzen und Sichtachsen wurden aufgegeben.

"Im Städtebau hat die Moderne versagt!"

Doch die Mehrheit der Bürger empfindet Altbauviertel als schön, nicht die in der Nachkriegszeit praktizierte Zeilenbauweise mit Häusern quer zur Straßenrichtung, ganz zu schweigen von Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel in Berlin oder München-Neuperlach.

„Im Städtebau hat die Moderne versagt, es gibt keine schönen Straßenzüge, keine Plätze, keine Achsen, nur noch in der Fläche verteilte gleichförmige Gebäude“, kritisiert Architekt Siedenburg. „Jede einzelne alte Bebauung – sie muss nur mehr als 100 Jahre alt sein – hat bedeutend mehr Schönheit und Lebensqualität als heutige Quartiere“, seufzte der Frankfurter Stadtplaner Christoph Mäckler 2017 im Deutschen Architektenblatt. Doch in der Branche sind das Einzelstimmen.

Studie zeit: Selbst finanziell würden sich schöne Häuser lohnen

In vielen Städten haben sich hingegen Bürgerinitiativen gebildet, die gegen die Veränderung gewachsener Stadtviertel durch gesichtslose Wohnklötze protestieren. Ihnen geht es meist um die Ästhetik und die damit verbundene Lebensqualität. Tatsächlich würde sich eine Besinnung auf den klassischen Städtebau für Baubranche und Kommunen womöglich sogar finanziell lohnen.

So ging die TU Chemnitz vor einigen Jahren der Frage nach, was Hässlichkeit für den Wert einer Immobilie bedeutet. Ergebnis: „Avantgardistische Neubauten – insbesondere aber in den 70er Jahren erbaute Nachkriegsgebäude – werden als deutlich weniger attraktiv wahrgenommen als der klassische Altbau“, heißt es in der Zusammenfassung der 2014 veröffentlichten Studie. „Es gibt objektive Schönheit, und die Menschen fühlen sich wohler und haben eine höhere Zahlungsbereitschaft.“

Wohnungswirtschaft: Kostendruck fördert einförmigen Wohnungsbau

Doch anstatt langfristig zu denken und zu gestalten, lässt sich die Politik fast überall ganz offensichtlich von der Bauwirtschaft den Weg erklären. Die ist vor allem an kurzfristigen Renditen interessiert – und schiebt die Schuld am gesichtslosen Einerlei deutscher Neubauviertel wiederum der Politik in die Schuhe.

Gerade erst veröffentlichte der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) eine Studie zum Thema. Das – ziemlich erwartbare – Ergebnis: Es seien Kostendruck und Bürokratie, die zur Gleichförmigkeit vieler Neubauviertel in Deutschland beitragen. „Beständig wachsende ökonomische Zwänge wirken sich natürlich auch auf die Gestaltung von Gebäuden aus“, erklärte dazu GdW-Präsident Axel Gedaschko.

Bauvorschriften haben sich seit 1990 vervierfacht

Der Zuzug in die Ballungsregionen mache Wohnungs- und Grundstücksflächen zum begehrten Gut, so Gedaschko weiter. „Boden wird so extrem teuer, dass jeder Cent für den bezahlbaren Neubau dreimal umgedreht werden muss.“ Als bundesweiter Dachverband für viele Genossenschaften und kommunale Gesellschaften, die erschwingliche Wohnungen anbieten, ist der GdW davon besonders betroffen.

Gedaschko beklagt zudem eine „steigende Normen- und Standardflut“ beim Wohnungsbau: In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Zahl der Bauvorschriften auf rund 20.000 vervierfacht. „Das treibt die Baukosten in die Höhe und sorgt für einen immer größeren Druck aufseiten der Bauherren, möglichst effizient zu bauen.“

Architekten kopieren Standards statt sich Neues auszudenken

Zur Vereinheitlichung der Städte trägt nach Einschätzung des GdW-Präsidenten aber auch die Modernisierung der Bestandsgebäude bei. „Hier ist es vor allem der enorme Kostendruck bei der politisch stark erwünschten und klimapolitisch notwendigen energetischen Sanierung. Mieter sollen so wenig wie möglich belastet werden.“ Das führe in vielen Fällen zu einer Verringerung der Vielfalt des Erscheinungsbildes.

Auch den Architekten fällt offenbar nichts Neues ein. „Schaut man sich Wohn- oder auch Wirtschaftsbauten weltweit an, so stellt man rückblickend auf die vergangenen 50 bis 70 Jahre eine Internationalisierung und damit einhergehend eine Angleichung der Baustile fest“, sagt Gedaschko.

Verstärkend wirkten sich dabei auch architektonische Modetrends aus: „Ziemlich zielsicher kann man anhand des Bautyps das Baujahr erkennen“, sagte Gedaschko. „Dabei gibt es einen gewissen ‚Druck des Mainstreams‘, dem man sich als Planer zwar entziehen kann, aber dann nicht darauf bauen kann, noch eine Anerkennung für das Geleistete zu erhalten.“

Wie sieht das in unserer Heimatstadt aus?

Als wäre unsere Heimatstadt Freilassing die Blaupause für den obigen Artikel gewesen. Aber wie hat einer der Bauträger bei der öffentlichen Veranstaltung sinngemäß gesagt? Er werde den Freilassingern zeigen was zeitgemäße Architektur sei. Was er damit meinte kann man in der Laufener Straße sehr gut sehen. Dort war einmal eine Bebauung mit sehr viel Freiraum. Nachdem der Bauträger mit dem Grundstück “fertig” war, gab es keinen freien Raum mehr. Dafür heißt das Projekt dann halt “Freiraum 63”. Allein dort kann man sehen, was aus verheißungsvollen Projektnamen denn so gemacht wird. 

An der Münchener Straße und an der Schillerstraße kann man die im Pressetext beschriebene “Schuhschachtelarchitektur” ohne architektonischen Selbstbewusstsein  sehr gut sehen. Quader, Flachdach.

Es liegt an uns, den Freilassinger Bürgerinnen und Bürger, ein viertes Mal zu verhindern.

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